Von Reinhold Tietz | 22.03.2011 | Oberpfalznetz Medienhaus DER NEUE TAG | Netzcode: 2732173

Gewaltige Ton- und Bilderwelten

Ausstellung Karl Aichinger mit Eröffnung des "Schwandorfer Klavierfrühlings"

Schwandorf. Karl Aichingers Bilder tragen oft Titel, die auf musikalische Werke verweisen. Dementsprechend ist es naheliegend, wenn zu der Eröffnung einer Ausstellung seiner Bilder Musik erklingt, die er besonders schätzt. Zusätzlich fügte sich, dass die inzwischen zu einer ganz hervorragenden Tradition gewordene Woche des "Schwandorfer Klavierfrühlings" mit der gleichen Veranstaltung ihren Anfang nahm.

"Chromatische Fantasie"

Das musikalische Programm, das Professor Kurt Seibert auf Wunsch seines Freundes Karl Aichinger im vollen Saal vortrug, hatte es in sich. Die "Chromatische Fantasie und Fuge" d-moll BWV 903 von Johann Sebastian Bach ist ein singuläres Werk des Tonmeisters, in dem er viel freier mit der Rezitativform und viel strenger mit der Form der Fuge umgeht als in anderen Werken.

So gestaltete Seibert mitreißend die vielseitig schwingenden Passagen der Halbtonschritte und als Gegensatz die ebenfalls chromatische Tonfolge a-b-h-c (!) der Fuge, ohne sich und der Musik einen Ruhepunkt zu gönnen. Johannes Brahms wollte sich einmal "wie ein Geiger fühlen". Deshalb schrieb er die berühmte "Chaconne" für Solovioline von Johann Sebastian Bach für die linke Hand des Klavierspielers um. Kurt Seibert gelang eine Darstellung, die klaviermäßig erklang und die Umschreibung vergessen ließ.

Als drittes Werk spielte er die "Variationen und Fuge über ein Thema von Joh. Seb. Bach" op. 81 von Max Reger, ein Meisterwerk, das den Komponisten unter die ganz großen Tonsetzer für dieses Instrument einreiht. Ob es die filigrane Kunst der Variierung, die unnachahmliche Eindringlichkeit der musikalischen Aussage oder die nie zum Selbstzweck werdende Virtuosität ist: Alles ist einer einheitlichen Wirkung von Erhabenheit und Großartigkeit untergeordnet, auch wenn die einzelnen Veränderungen einer schier unglaublichen Bandbreite von Ausprägungen der Grundstimmung huldigen.

Prunkvolle Farbigkeit

Und schließlich die Fuge, die das Thema aus der Bach-Kantate "Auf Christi Himmelfahrt allein ich meine Nachfahrt gründe" zunächst melodisch und harmonisch beibehält, dann aber im Reger'schen Sinne umdenkt und steigernd in vollgriffigem Fortissimo und breitestem Zeitmaß zu Ende führt. Natürlich lässt dieses Stück Rückschlüsse auf Regers Persönlichkeit zu und Kurt Seibert vermochte es überzeugend, die Innerlichkeit verhaltener Passagen ebenso wie die prunkvolle Farbigkeit üppiger Klangfülle in voller Wirkung zu entfalten. Rauschender Beifall, aber nach solch einem Riesenwerk ist keine Zugabe denkbar. Die kommende Woche bringt Schubert, also ebenfalls einen der ganz Großen des Klaviers.