Von Andrea Prölß | 19.03.2011 | Oberpfalznetz Medienhaus DER NEUE TAG | Netzcode: 2728991

Schwandorf

Wozu uns der Himmel treibt

Große Gemälde-Ausstellung im Oberpfälzer Künstlerhaus anlässlich Karl Aichingers 60. Geburtstag - Bis 8. Mai

Schwabing, Anfang der 70er Jahre. Jemand spricht den damals 22-jährigen Karl Aichinger auf der Straße an, ob er nicht Lust hätte, Theater zu spielen. Karl Aichinger hat Lust und schon ist er mittendrin. Besser gesagt mittendrauf, auf einer kleinen dunklen Kellerbühne. Titel des Stücks: "Watt’n oda ois brenn’ ma nida".

Vieles kann man Karl Aichinger unterstellen, aber nicht, dass er seinen Lebenslauf übermäßig aufbläht. "1973/74 Theaterarbeit am Münchner proT" steht da zu lesen. Dass es sich dabei um "die" Münchner Experimentierbühne des bekannten Theateravantgardisten Alexeij Sagerer handelte, das erfährt man nach und nach im Gespräch. Die bayerische Redewendung "A Hund is a schon", sie scheint auf den Weidener Maler und Bildhauer zuzutreffen.

Geboren wurde Karl Aichinger 1951 in Floß. Das begonnene Studium der Soziologie und Mineralogie fiel schon bald der neu entdeckten Theaterlust zum Opfer. Nach seinen wilden Jahren in München kehrte er zurück in die Oberpfalz. Zunächst nach Regensburg, wo er seinen Künstlerfreund Heiner Riepl kennen lernte. Der erinnert sich, wie Aichinger ihn nachts aus dem Bett klingelte, um seinen neuesten Film vorzuführen. Denn Filmemacher war Aichinger zwischenzeitig auch. Doch das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile lebt und arbeitet Aichinger in Weiden. Heiner Riepl, sein Weggefährte aus Regensburger Zeiten, wurde Leiter des Oberpfälzer Künstlerhauses. Dass er die Ausstellung anlässlich Aichingers 60. Geburtstag ausrichten darf, ist ihm selbstredend eine besondere Freude. Die große Retrospektive hatte man dabei nicht im Sinn. "Dafür ist Karl Aichinger einfach noch zu jung", so Riepl schmunzelnd. Oder das Künstlerhaus zu klein. Denn in Aichingers Atelier lagern Arbeiten, deren Zahl der Künstler mit "weit über fünfhundert" angibt. Das heißt, frühe Aquarelle oder die ostasiatisch inspirierten Druckgrafiken aus den 70er Jahren sind nicht vertreten. Ebenso wenig Aichingers bildhauerisches Schaffen.

Die gezeigten Gemälde – insgesamt 44 Arbeiten, verteilt auf drei Stockwerke – stammen mit wenigen Ausnahmen aus der Schaffenszeit der letzten zehn bis fünfzehn Jahre. Farbintensive Ölbilder und Hinterglasarbeiten, die – so im Falle der erst vor wenigen Wochen entstandenen Bach-Reihe – mit luzide strahlender Rhetorik überraschen.

Trotz der farbkräftigen Bildsprache, der sich Aichinger seit Anfang der 90er zuwandte und deren Entwicklung im Fokus dieser Werkschau steht, ist es eine "sehr ruhige Ausstellung", so Heiner Riepl beim Pressegespräch. Und der Rundgang durch die Räume bestätigt diesen Eindruck. Denn Aichingers Gemälde bekommen hier den Platz, den sie brauchen. Viel Licht und großflächiger weißer Hintergrund, vor dem Rhythmik, Spannung und Leuchtkraft der Farben in überwältigender Intensität zum Tragen kommen. Begriffe wie Farbsymphonien oder Farbklänge fallen in diesem Zusammenhang oft und gerne, denn es ist bekannt, dass viele Arbeiten beim Hören von klassischer Musik entstehen. Bildtitel wie "Wagners Klangwelten", "Zu Bachs h-Moll-Messe" oder "Bruckners dritter Sinfonie gewidmet" verweisen darauf.

Aber auch Jazz, Lyrik oder das "Erlebnis von Koran-Rezitationen" zählen zu den Inspirationsquellen. Wer Karl Aichinger kennt oder mit ihm ins Gespräch kommt, weiß oder merkt sehr schnell, wie sehr seine Kunst, aber auch seine Vita vom Erschließen dieser Horizonte lebt. Und dass dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist, davon zeugt einer der kleinen poetischen Gedankensplitter auf der ersten Seite des Ausstellungskatalogs: "erfreut mich weiterhin/wozu uns der Himmel treibt".