Von Ulrich Kelber | 15.03.2011 | Mittelbayerische Zeitung, MZ

Ein steter Wechsel von Spannung und Ruhe

"Im Traum gelacht" heißt die Ausstellung von Karl Aichinger in der Galerie Erdel. Der Weidener Künstler wird 60 Jahre alt.

REGENSBURG. Als er einmal aufwachte, habe er sich daran erinnert, dass er im Traum laut gelacht habe: "Da ist es mir so richtig gut gegangen." Karl Aichinger erzählt davon, wie er auf den Titel für seine Ausstellung gekommen ist. Denn gute Stimmung vermitteln auch seine Bilder. Sie strotzen vor kräftigen Farben, in einem poetischen Spiel verdichten sich abstrakte Formen in einem nervösen Rhythmus und lösen sich dann wieder in klare Flächen auf. Als rudimentäre Landschaften lassen sie sich deuten, dann wieder glaubt man, anonyme Menschengruppen zu erkennen. Es gibt einen steten Wechsel von Spannung und Ruhe. Musik ist für Karl Aichinger wichtig – von den Beatles bis Miles Davis und Jimi Hendrix, vor allem aber Johann Sebastian Bach. Auf der Rückseite seiner Bilder vermerkt er stets, welche Musik er bei ihrer Entstehung gehört hat.

Er ist ein Urviech, ein Spötter

Und für Lyrik begeistert er sich. Aus der Sakkotasche zieht er ein zerfleddertes Reclamheftchen mit Hölderlin-Gedichten hervor, beginnt zu rezitieren: "Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt All uns nieder..." In dem letzten Vers heißt es: "Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern, Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will." Eigener Weg und Freiheit: Das hat sich Karl Aichinger zur Maxime gemacht.

Am 25. April 1951 wurde er in Floß geboren. Voll des Lobes ist er für seinen Kunsterzieher Neugebauer am Weidener Gymnasium. Das Studium (Mineralogie und Soziologie) schmiss er schnell hin. Und seitdem ist Karl Aichinger Künstler (eine Steinmetzlehre hat er dann auch noch absolviert). Theater hat er gemacht mit dem niederbayerischen Querkopf und Experimentator Alexeij Sagerer am Münchner "ProT", wo damals provozierende Stücke gespielt wurden wie "Watt'n oda ois brenn' ma nida". Später ging's zurück in die Oberpfalz, zunächst nach Regensburg und schließlich nach Weiden. Dort wohnt er in einem einst hochherrschaftlichen Altbau, hat dort eine eigene Galerie. Er klagt: "Ich muss da jetzt wohl raus. Das ist für mich ein Schock." Das Haus soll abgerissen werden, um Platz für ein Einkaufszentrum zu schaffen.

Bei der Ausstellung in Regensburg sind auch ein paar frühe Aquarelle aus den 70er Jahren zu sehen - stille Blätter mit ein paar kalligrafischen Chiffren. Der Avantgarde-Galerist Bernhard Wittenbrink, der damals noch die eher biedere Kunsthandlung Michl führte, habe ihm gesagt: "Wenn ich das zeige, schmeißen mir die Leute das Schaufenster ein", erzählt Aichinger schmunzelnd.

Traum von der Groß-Skulptur

Er ist ein Urviech, ein Spötter, der – für Künstler ungewöhnlich – auch zu großer Selbstironie fähig ist. "I schmier' halt gern", antwortet er auf die Frage, wie er seine Bildkompositionen entwickelt, verrät dann aber doch, dass der Entstehungsprozess keineswegs gestisch und impulsiv abläuft: "Die san total durchkonstruiert. Je mehr sie improvisiert wirken, desto genauer sind sie eigentlich." Und es dauert manchmal Jahre, bis er ein Bild schließlich für vollendet betrachtet. "In meinem Atelier zieh' ich was raus, seh', dass ich da was machen kann", beschreibt er, wie er seine Werke immer wieder überarbeitet.

Ein paar Beispiele gibt es für sein bildhauerisches Schaffen, kleine Bronzen mit Titeln wie "Dem Leben gewidmet" oder "Zwischen Geburt und Tod". Weiche, abgerundete Formen herrschen vor. Dabei gibt es von Aichinger – sein Endlos-Thema heißt "Fugen-Schach" – auch viel strengere, konstruktivistische Arbeiten. Und da hat er einen großen Traum: Eine Großskulptur vor dem Berliner Reichstag aus poliertem Granit. Der König solle acht bis neun Meter hoch werden, die kleinste Schachfigur noch eineinhalb Meter. Erneut ironisch: "Das würde ein deutsches Stonehenge."